TRForge Adventskalender

 

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Weihnachten, Fest des Schenkens

Alle Jahre wieder beginnt es von Neuem. Überfüllte, mit Girlanden überhangene Einkaufsstraßen, volle Großmärkte, heiße Leitungen in den Versandhäusern – Anzeichen dafür, dass es bald wieder weihnachtet. Jeder möchte an diesem heiligen Fest seine Lieben mit einer großen Kleinigkeit beglücken. Etwas besonderes soll es sein, etwas brauchbares und gleichzeitig überraschendes. Bestenfalls noch besser als die Geschenke der vorherigen Jahre soll es sein, und auch die Geschenke der anderen soll es selbstverständlich übertrumphen.
Soweit die Theorie. In der Praxis hat dann leider doch der ein oder andere kleine Probleme damit, das passende Präsent zu finden. Von überall her bekommt man in der besinnlichen Adventszeit verzweifelte Fragen nach Geschenksideen gestellt. Wie die Hühner laufen wieder andere von Schaufenster zu Schaufenster, in der Hoffnung, ein wenig Inspiration zu erhaschen. Die vielleicht klügsten haben bereits resigniert und boykottieren den Geschenkewahnsinn völlig.
Familie Zimt erging es da nicht anders. Weihnachten nahte mit großen Schritten und es fehlte immer noch das ein oder andere Geschenk für die berühmt-berüchtigte Verwandtschaftssippe. Tante Emma bekam bisher jedes Jahr feinste Luxus-Schokoladentrüffel, doch da sie gerade den Weight Watchers-Kurs erfolgreich absolviert, traute man sich diesmal nichts dergleichen zu schenken. Man wollte doch schließlich nicht auf die purzelnden Kilos anspielen und die gute, alte Emma verärgern, zumal sie auf dieses Thema in der Vergangenheit immer empfindlich reagiert hatte. Ein ähnliches Problem bestand mit Tante Asha aus Indien. Diese erhielt in den letzten Jahren bereits alle möglichen mitteleuropäischen Spezialitäten, sodass Familie Zimt diesmal ratlos war, was sie nach Indien schicken sollte. Außerdem blieb die Idee für ein Geschenk an Oma Hannelore aus. Das einzige, was Frau Zimt wusste, war, dass es etwas ganz besonderes sein musste, nachdem sie ihr zum letzten Fest ein Badeölset geschenkt hatten, obwohl sie nach der Knieoperation nicht mehr baden durfte und entsprechend begeistert war.
Noch war aber ein wenig Zeit. Am vorletzten Wochenende vor Weihnachten stand erstmal der Pflichtbesuch bei Oma Inge auf dem Plan. Wie immer hatte Inge bereits Geschenke für Familie Zimt vorbereitet, die sie während des Besuches mit funkelnden Augen übergab. Wieder zuhause angekommen machten sich die Zimts sofort daran, die Geschenke auszupacken. Da Oma Inge in den letzten Jahren oft unliebsame Cremen und Konsorten schenkte, war das nötig, da man diese Artikel meist nur bis Weihnachten im Laden nochmal umtauschen konnte.
Als erstes war Frau Zimt mit dem Auspacken dran. Und siehe da, es war tatsächlich wieder die selbe Bodylotion, die sie schon in den letzten 10 Jahren nicht mochte und nun ebenfalls wieder umtauschen würde. Die Familie lachte. Nun war Herr Zimt an der Reihe. Er bekam eine ziemlich hässliche, moderne Weckeruhr. Leider ohne Umtauschmöglichkeit. Nun denn, auch die beiden Söhne Zimt waren nicht besser bedient. Oma Inge bescherte einmal ein kleines Spielzeug-Laserschwert, obwohl Max schon eine Weile aus seiner Star Wars-Phase heraus war. Für Chris gab es einen dunkelblauen Hausanzug. Das alleine wäre gar nicht so desaströs gewesen, wäre der Anzug nicht in Größe XL, obwohl Chris Small benötigte. Zusätzlich wurde die ganze Familie mit kratzigen, selbstgestrickten Wollsocken ausgestattet. Oma Inge hatte es also wieder einmal geschafft.
Familie Zimt beriet sich, was mit den Geschenken geschehen sollte. Da fielen Frau Zimt die fehlenden Geschenke ihrerseits wieder ein. „Schenken wir sie doch einfach weiter!“, schlug sie vor und stieß damit auf Begeisterung. Man einigte sich schließlich darauf, Tante Emma die Weckeruhr und Oma Hannelore die Bodylotion zu überlassen. Den Hausanzug würde man nach Indien schicken, für Tante Ashas Schneiderei. Schon oft hatte sie westliche Kleidung mit Vergnügen verziert und verbastelt. Gesagt, getan. Schwupps waren die Geschenke wieder verpackt und abgeliefert.
Heiligabend, 18 Uhr, Bescherung. Tante Emma öffnete mit großer Vorfreude ihr Präsent von Familie Zimt. Es fühlte sich weich an. Während des Auspackens rümpfte sie immer weiter die Nase. „Ein Hausanzug, für mich?“, dachte sie mit Verwunderung, als der Inhalt erkennbar wurde. „Naja, wenigstens in einem schön edlen Blau.“, merkte sie an. Als sie den Pullover ausbreitete, er immer größer wurde und sie schließlich das „XL“ auf dem Märkchen sah, war die Katastrophe vollendet. Wütend nahm sie die beigelegte Karte. Darauf las sie: „Liebe Tante, dieses Jahr dachten wir uns, wir schenken dir etwas, das du auch wirklich gebrauchen kannst.“ „Jeder macht sich über meine Diät lustig!“, schrie sie wutentbrannt durch den Raum.
2 Stunden früher. Oma Hannelore bereitete die Schere vor, um Zimts Päckchen zu öffnen. Ein Moment der stillen Andacht noch, dann legte sie den Inhalt frei. Und welchen Inhalt sie freilegte! „Herrgott nochmal, was soll ich denn mit so einem Technik-Scheiß?“, moserte sie vor sich hin. Die konservative Hannelore hatte technischen Schnickschnack seit jeher abgelehnt. „Das kapiere ich nicht mehr in meinem Alter.“, pflegte sie zu sagen. Nach einem Tee zur Beruhigung nahm sie die Uhr nochmal in die Hände. In ihren Augen zeichneten sich große Fragezeichen ab, als sie die Hightech-Uhr musterte. Sie nahm die Gebrauchsanweisung zur Hand. Ihre Verwunderung schlug in Zorn um. Die Anleitung war so klein geschrieben, dass sie sie weder mit, noch ohne Brille lesen konnte.

Selbe Zeit, Neu-Delhi, Indien. Die Kinder öffneten gemeinsam das Paket. Was zum Vorschein kam, verwirrte allesamt. Es war ein längliches Ding, mit einem langen grünen Stab und einem silbernen Griff darunter. Soetwas hatten sie noch nie gesehen. „Was das wohl sein kann?“, dachte Asha laut. Daraufhin fielen einige Vorschläge, vom Gewürzstampfer bis hin zum Musikinstrument. Schließlich einigte man sich auf einen Kochlöffel und von nun an wurde die wochenendliche Hähnchensuppe mit dem Laserschwert gerührt.

Von dem Missgeschick erfuhr Familie Zimt nie, da alle wie immer so taten, als würden sie sich über die Aufmerksamkeiten freuen. Und wieder war es für ein Jahr geschafft...

© by Lukas R.