Also erst mal: Das ist kein Gedicht. Auch, wenn's drüber steht. Häufige Zeilenumbrüche machen einen Text noch lange nicht zum Gedicht.
Grass soll von mir aus Novellen schreiben aber in Zukunft besser die Finger von Gedichten lassen.
Ansonsten:
Ein alter Mann, in Angst der Vergessenheit anheim zu fallen, inszeniert einen kleinen Eklat, um nochmal einige Medienaufmerksamkeit zu bekommen. Offensichtlich mit einigem Erfolg.
Wenn er sich für die Politik interessiert hätte, hätte er seine Meinung als als politischen Statement abfassen können. Aber dann wäre sie ja auch nur eine Einzelmeinung unter vielen gewesen, Literaturnobelpreis hin oder her. Also verpackt man das Ganze mehr schlecht als recht als Gedicht und schmeißt es in den Feuilleton. Voilà!
Außerdem kann man sich so bei Kritik so leicht hinter "literarischer Freiheit" verstecken.
Und dann dieser lächerliche Pathos! "Das muss doch auch mal gesagt werden..." ist mir schon als typisches Stilmittel bei diversen Trollen in Politik-Foren aufgefallen. Dass einem Literaten nichts besseres einfällt ist wirklich traurig. Er stilisiert sich damit selbst zum Märtyrer hoch, der unter großer Seelenpain sich aufbietet das zu sagen, was doch so sehr unterdrückt wird.
Natürlich DARF man sowas sagen! Wir haben Meinungsfreiheit. Jeder Trottel kann Israel kritisieren. Wovon auch einige Gebrauch machen. Und das obwohl das doch angeblich von der durch die Zionis-*hust* gleichgeschalteten Presse verhindert wird. Die außenpolitische Lage zwischen Israel und Iran ist kein großes Geheimnis. Wer die Politik ein wenig aufmerksam verfolgt, weiß darüber schon länger Bescheid. Das ist nichts Neues, was Grass da anspricht. Auch der Einsatz militärischer Mittel wird in Israel offen diskutiert. Da gibt es Für- und Gegenstimmen. Da ist kein Tabu und es sind auch nicht alle einhellig einer Meinung.
Auffällig wird dabei auch der Zeitpunkt. Denn obwohl das nun schon ein Weile in der Diskussion ist, hat er gerade diesen Zeitpunkt gewählt, wo das Pessach-Fest stattfindet. Aber das ist sicher nur großer Zufall.
Und natürlich kann auch Grass dazu eine Meinung haben. Nur wenn man etwas sagt, muss man auch Gegenwind in Kauf nehmen. Das gehört zur Meinungsfreiheit dazu.
Aber in Grunde, wollte er doch diesen Gegenwind. Er baut sich ja selbst in seinem "Gedicht" ein Tabu auf. Aber trotz dieser offensichtlichen Provokation, springen natürlich sofort einige Knallköpfe drauf an, um mit der Antisemitismuskeule alles kurz und klein zu hauen. Und natürlich kommen auch die üblichen "Israelkritiker" aus ihren Löchern. Ist schließlich gut, dass mal jemand so wahnsinnig mutig ist, und das anspricht. Am besten sollte man ihm gleich sofort noch einen Nobelpreis geben. Eine Menge anderer Leute sehen sich bemüßigt auch eine öffentliche Verlautbarung abzulassen, schließlich muss man sich ja mal wieder sehen lassen.
Der ganz normale Wahnsinn halt.
Im Grunde keine Aufregung wert. Es ist weder ein guter politischer Beitrag, noch ein antisemitische Hasstirade. Nur ein alter Mann, der etwas Aufmerksamkeit sucht. Gönnen wir sie ihm, solange sie anhält.
Dass es ihm um Aufmerksamkeit geht, bewies er schließlich auch nochmal später bei seinem Interview in der Tagesschau. Denn obwohl es ein breites Meinungsspektrum gibt, von Leuten, die ihm vollumfänglich beipflichten über *gähn* bis hin zu scharfer Ablehnung UND obwohl er eingeladen wurde sich auch selbst noch einmal zu äußern, um richtig zu stellen, was vielleicht falsch verstanden wurde, hat er nichts besser zu tun, als über angeblich gleichgeschaltete Medien zu jammern.
Bleib nur zu hoffen, dass das wirklich seine letzte Tinte war, wie angekündigt. Ich habe da ja meine Zweifel.